331/366 Weihnachtsgeschichte 26. November


Morgen feiern wir den ersten Advent.
Die Weihnachtszeit sollte eine ruhige besinnliche Zeit sein, ist aber inzwischen ein wenig ausgeartet.
Geschenke, kaufen, Konsum, Umsatz, Gerenne, Gelaufe, Geschiebe, Gedränge… sind an der Tagesordnung.
Nehmt euch ein ganz paar Minuten Zeit und lest die folgende Geschichte, die ich im Internet fand:

Weihnachten im Sommer
Es ist ein strahlender Sommertag. Wir sind bei meinem Onkel Hermann in Weißenstein. Die Luft ist voll Rosen -, Lilien – und Lindenblütenduft. Wir sollen abends ein Kirchenkonzert für Onkels Arme geben. Die Tage sind voll wichtiger Vorbereitungen gewesen; Programme sind gemacht, Liedertexte umgedichtet, damit sie für die Kirche brauchbar sind. Her Kappel, der junge Orgelspieler, hat atemlos mit uns proben und arbeiten müssen.
Alles ist schön und festlich, nur liegt dieser Tage ein Streit zwischen mir und meinen beiden Vettern in der Luft. Sie haben mich und meine Freundin tief beleidigt durch ein Gedicht, worin sie unsere uns so heilige Freundschaft verspotteten. Das Gedicht schließt mit dem Refrain: „Zwei Paar Schuhe, Herzen: eins!“

Als es nun zur Generalprobe geht, hat unser Streit seinen Höhepunkt erreicht. Vetter Georg und Vetter Samuel, sonst so ritterlich und hilfsbereit, haben sich geweigert, meine Noten in die Probe zu tragen. Ich ziehe mit meiner Freundin Betty über den Marktplatz und sehe die Vettern Arm in Arm daherkommen. Mitten auf dem Marktplatz lege ich meine Mappe mit sämtlichen Noten auf das Pflaster und bedeute ihnen, sie mir nachzutragen. Pfeifend und lachend gehen sie vorüber. „Du bist verwöhnt!“ sagen sie.

Ich gehe in die Kirche und setze mich auf die Orgelbank, die Noten liegen mitten auf dem Marktplatz. Die beiden Sünder sitzen scheinheilig unten in der Kirche und rühren sich nicht, und die Probe soll beginnen, aber keiner weicht von seinem Platz. Ich kann unmöglich nachgeben, doch Herr Kappel bittet um die Noten.
„Meine Vettern werden sie gleich bringen“, sagte ich.

Die Vettern haben alle ihre Aufmerksamkeit auf die Betrachtung des Altarbildes gewendet, als sähen sie es zum erstenmal, und blickten nicht hinauf zum Orgelchor.
„Herr Kappel“, sage ich, „seien Sie so freundlich, gehen Sie zu meinen Vettern hinunter und schicken Sie sie nach den Noten, sie wissen, wo sie sind!“
Herr Kappel kommt verlegen wieder herauf: „Sie weigern sich zu gehen“, sagte er, „soll ich die Noten nicht selbst holen, wo sind sie?“

Ich kann doch unmöglich sagen: sie liegen auf dem Marktplatz.
„Auf keinen Fall, meine Vettern werden sie bestimmt holen“, antwortete ich zuversichtlich.
Alles wartet auf den Beginn der Probe.

Meine Mutter kommt die Treppe herauf, die zum Chor führt. „Warum fangt ihr nicht an?“ fragte sie.
Als sie das Unglück mit den Noten erfährt, verlangt sie, ich solle sie selbst holen. Tief beleidigt in meiner jungen Künstlerwürde, muss ich mich so weit demütigen, dass ich die Mappe hole.
Die Vettern haben sich nicht gerührt.

Nun ist seitdem trotz des festlichen Tages ein dauernder Kriegszustand zwischen uns erklärt, wir reden nicht miteinander. Ich sitze im Garten, der voll Sommerduft und Schwalbenschwirren ist. Seit Stunden sind die Vettern verschwunden, was werden sie sich ausgedacht haben? Es ist alles so geheimnisvoll im Hause. Eine große Überraschung nach dem Konzert scheint geplant zu werden. Ich darf den Saal nicht betrete, dessen Fensterläden nach der Straße geschlossen sind.

Die Stunde des Konzerts ist da. Onkel Hermann hat den ganzen Tag besonders schlau ausgesehen. „Wenn du schön singst“, sagt er, „erlebst du heute etwas, was du noch nie erlebt hast.“
Die Stadt ist voller Unruhe. Kleine landsche Equipagen rasseln durch die Straßen, große Kutschen kommen von den Gütern, fahren schwerfällig über das holprige Pflaster. Jeder aus dem kleine Stadtchen rüstet sich zum Konzert.
Ich gehe noch einmal durch den Garten an Onkels Arm, wir sind beide still. In mir singen und klingen schon all die Lieder aus dem Programm, und ein Gefühl von festlicher Freude erfüllt mich.

Da bricht Onkel das Schweigen: „Weißt du, dass du von Gott besonders begnadet bist, dass du singen kannst?“ sagt er.
„Ja, ich weiß es“.
„Dein ganzes Leben muss ein Dank dafür sein“, sagt er, „vergiss es nicht.“
Ich nehme seine alte liebe Hand in die meine und küsse sie.

Dann gehen wir in die Kirche. Sie ist dicht gefüllt, Kopf an Kopf gedrängt sitzen die Zuhörer da; alles ist voll Andacht und Feierlichkeit. Ein Orgelpräludium braust durch den Raum, dann wird es still, und nun kommt meine Gesangsnummer.
Ich stehe oben und blicke über all die Menschen hinweg, ich sehe sie nicht! Gerade in den Himmel hinauf geht mein Blick, und nun erklingt eine Händel – Arie: „Gewähre, o Herr, dass an jenem Tag des Gerichts unser Herz gereinigt werde.“ Wie hell meine junge Stimme über den dunklen Akkorden schwebt, wie ahnungslos meine Lippen die angstvollen Worte sprechen: „Herr, erbarme dich, ach, erbarme dich über uns.“ –

Das Konzert ist zu Ende. Als wir heimgehen, sind die Vettern von einer unbeschreiblichen Ritterlichkeit, nicht nur meine Noten wollen sie tragen, sie überbieten sich in ehrerbietigen Aufmerksamkeiten, der Friede ist geschlossen, das Kriegsbeil begraben. Aber ich darf nicht ins Haus, ich werde in die Küche gesperrt. Nun kommt Onkel, nimmt mich an der Hand und führt mich vor die verschlossene Tür des Saales. Er öffnet sie – mitten im verdunkelten Zimmer steht ein strahlender Weihnachtsbaum mit Lichtern geschmückt, und ein Chorgesang erklingt: „O du fröhliche, o du selige . . . “

Ja, es ist Weihnachten, mitten im Sommer. Onkel hält eine Rede: „Du sollst etwas Besonderes haben“, sagt er, „denn du hast uns heute besonders froh gemacht mit deinem Singen. Zum wirkliche Weihnachtsfest im Winter konntest du ja nie hier sein, darum sollst du heute einen Weihnachtsbaum haben. Das hat der Heiland uns nicht verboten. Wenn wir uns nur in ihm freuen.“

Er nimmt mich an der Hand und führt mich zu einem Gabentisch. Jeder hat etwas geschenkt. Jubel und Lachen erfüllt den großen Raum, alles drängt sich um mich; jeder preist sein Geschenk, zeigt es, legt es mir besonders ans Herz. Von Onkel ist ein kleines Kästchen von Silberfiligran da, was er ein „Rokoko“ nennt. Alles, was ihm in der Form irgendwie auffällt, nennt er „ein Rokoko“.

Cousine Jenny schenkt mir einen goldenen Ring, sie ist manchmal etwas leichtsinnig.
„Sie hat ihn auf „Puff“ genommen“, schreit Vetter Georg, „ich weiß es ganz genau, denn sie hat gar kein Geld.“
„Ja“, bestätigt Jenny würdevoll und streckt mir den schmalen Reif an die Hand, „so ist es auch, das schadet aber dem Ring in keiner Weise.“
Alles lacht.

„Nun, Jungens, setzt sie auf einen Stuhl und hebt sie hoch!“ ruft Onkel Hermann. Von starken Armen werde ich auf meinem Stuhl emporgehoben.
„Hurra, hurra!“ ruft alles, ich greife von meinem luftigen Sitz jubelnd nach den brennenden Lichtern am Weihnachtsbaum. Dann gehen wir in den Garten, die Linden blühen, die Rosen duften, die große Tafel zum Abendessen ist draußen gedeckt.

Onkel hält mich an der Hand. Wir blicken zusammen in die Sommerpracht, ich noch halb betäubt von dem, was ich eben erlebt.
„Wie reich sind wir“, sagt Onkel, „alles können wir haben, denn alles ist unser, wenn wir nur immer Gottes sind und bleiben.

Autor: Monika Hunnius

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2 Kommentare zu “331/366 Weihnachtsgeschichte 26. November

  1. Hmmm … ich glaub, ich hab die Geschichte nicht verstanden oder kann gerade so gar nichts damit anfangen *grübel*. Bin bestimmt noch nicht richtig wach … daran wird es liegen. 😉
    LG und einen schönen 1. Advent.

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