345/366 Weihnachtsgeschichte, die 3. am 10. Dezember


Potsdam. Sie wollte sich ja nicht beklagen; nein, wirklich nicht. Schließlich ging es ihrer Familie richtig gut in Potsdam. Okay, anfangs war’s schwer gewesen. Zuerst die Herbergssuche (Bettensteuer!). Und als Josef, der ja gelernter Zimmermann war, wegen Schwarzarbeit am Bau aufgeflogen war, lag Maria oft sorgenvoll wach. Bis Josef dann eine Stelle als Gitarrist bei einer ZZ-Top-Cover-Band fand. Dass Gottvater nebenbei immer noch fette Alimente-Schecks für Jesus aus den himmlischen Gefilden herniederfallen ließ, musste Josef ja nicht wissen, überlegte Maria, während sie den Schlüssel in der Loft-Tür drehte. Einmal, zweimal – kein Erfolg. Mist! Nicht das schon wieder! „Dieser Kämmerer Exner übertreibt es wirklich mit der Haushaltssperre“, dachte Maria verbittert.

Sorgen, nichts als Sorgen hatte man. Jetzt wollte Jesus auch noch in die Politik gehen. „Junge, lern doch was Vernünftiges“, hatte Josef ihn angefleht und ihm einen Ausbildungsvertrag bei der IHK besorgt: „Da verdienst du dich später dumm und dämlich und kannst irgendwann mal zu Vorstandssitzungen nach Malta fliegen“, hatte er ein rosiges Bild gemalt. Aber Jesus war bockig. Statt wie andere Jungs seines Alters ein Poster von Miley Cyrus (in der Nach-Hannah-Montana-Ära) an die Wand zu hängen, hatte er Nelson-Mandela-Plakate über seinem Bett. Wo sollte das noch hinführen, dachte Maria, während sie sorgenvoll ihre Stirn zu runzeln versuchte. Was aber nicht klappte, weil die letzte Ladung Botox aus dem kürzlich im Nebenhaus eröffneten Beauty-Salon noch vorhielt.
„Frieden“, „Toleranz“, das war alles, was sie von Jesus tagein, tagaus hörte. Zuerst hatte er sich in den Migrantenbeirat wählen lassen. Jetzt strebte er nach Höherem. „Ach, Junge“, seufzte Maria.
Ein paar Kilometer Luftlinie weiter jenseits der Humboldtbrücke betrat Jesus gerade ein Babelsberger Haus. Ganz so blauäugig, wie seine Eltern dachten, würde er seine Polit-Karriere nicht starten. Er hatte einen tollen Coach. Der gab ihm jetzt zweimal wöchentlich Nachhilfe im „Handauflegen und Menschenfischen“. „Zwei, drei eingängige Sätze – das ist alles, was du bei den Leuten brauchst“, sagte Matthias Platzeck launig, nachdem er Jesus gezeigt hatte, wie man ein unwiderstehliches Strahlelächeln anknipst („Einfach an Käsekuchen denken!“). Einer dieser eingängigen Sätze lautete: „Wenn der Märker sagt: Da kann man nicht meckern, dann ist es das höchste Lob. Also sage ich hier und heute: Da kann man nicht meckern!“

Mit diesem flotten Spruch auf den Lippen machte sich Jesus auf, eine politische Heimat zu suchen. Als erstes klopfte er bei der größten Fraktion an, den Linken. „Na, junger Mann, wie siehste denn so die Situation in Potsdam?“, fragte Hans-Jürgen Scharfenberg nach einem kräftigen Händedruck. Geistesgegenwärtig antwortete Jesus: „Ich sage hier und heute: Da kann man nicht meckern in Potsdam!“ Scharfenbergs freundliches Lächeln verfinsterte sich schlagartig: „Do gann man nich meggern?“, verfiel er vor Erstaunen in sein heimatliches Erzgebirgisch. „Mensch, biste noch ganz dicht im Gewinde, Jugendfreund? In Potsdam könnte man 29 bis 30 Stunden am Tag meckern und das wär’ noch zu knapp. Dieser Jakobs, der ist doch blind wie ’ne Fledermaus, wenn’s ums Große Ganze geht.“

„Ich kann Blinde sehend machen“, schlug Jesus hilfsbereit vor. Der Linken-Häuptling schluckte. Jetzt schlug’s aber 13! „Was soll uns das bringen, wenn der Jakobs plötzlich den Durchblick hat?“ Scharfenberg setzte sich empört an seinen Schreibtisch, direkt unter das zwei Meter hohe Porträt des Mercure-Hotels, das da im Goldrahmen hing. Jesus blickte nachdenklich auf das Bild. „Das erinnert ein bisschen an den Turmbau von Babel. Wer zu hoch hinaus will, der …“ Scharfenberg unterbrach ihn. „Apropos ,hinaus’ – dort ist die Türe.“
Also zog Jesus weiter. Viele grüßten ihn. Unter Jugendlichen erfreute er sich großer Beliebtheit, weil er bei Schulpartys immer Wasser in Wein verwandelte.

Im Oberbürgermeister-Büro wurde er überraschend schnell vorgelassen. „Dem OB ist die Jugend ein ganz, ganz wichtiges Anliegen“, raunte ihm eine Mitarbeiterin zu. Stadtsprecher Schulz zückte die Kamera zum Beweisfoto und haute umgehend eine Presseerklärung raus. „Gestern hat Oberbürgermeister Jann Jakobs im Blauen Salon den Heiland empfangen. Gemeinsam beriet man über die Rettung der Welt, den Weltfrieden und den ganzen Rest.“ In Wahrheit war Schulz aber total sauer auf Jesus. Da war jetzt mal ’ne Rüge fällig: „Wenn Sie das nächste Mal in der Bibel über Jakobs schreiben, sollten Sie besser vorher ein Interview bei mir anmelden.“ Jesus widersprach schüchtern: „Aber es ging doch um Jakob, den Propheten.“ „Egal!“ Schulz war ungehalten, wenn er sich übergangen fühlte.

Bei einem Glas Wasser aus der Regentonne (Sparhaushalt!) wurde es dann konkret. Jesus pries seine Fähigkeiten an: „Ich kann übers Wasser gehen, was im Uferwegestreit nützlich wäre, und Tote wieder zum Leben erwecken.“ Jakobs wurde blass hinterm Bart. Tote zum Leben erwecken? Das klang nicht gut. Was, wenn dieser Jesus der Rathaus-Kooperation neues Leben einhauchte? „Dann hab ich wieder dauernd diese Katherina Reiche an der Backe“, dachte der OB. Verdammt. Dieser Typ war ihm nicht geheuer. Der würde irgendwann so wie Mike „Der Nachfolger“ Schubert an seinem Stuhl rumsägen; jede Wette. „Ich glaube, beim Baudezernenten ist noch eine Referentenstelle frei“, sagte er eilig.

Anderntags bekam Jesus einen Brief von seinem neuen Chef, zu dessen zahllosen Stärken leider nicht die sattelfeste Orthographie zählte. „Willkommen im Radhaus“, schrieb Klipp. „Aber eins sag ich Ihnen gleich klipp und klar: In dieser Stadt ist nur Platz für einen Messias!“

Von Ildiko Röd

Quelle:http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Die-etwas-andere-Weihnachtsgeschichte

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